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Drehen um sich selbst 

4. Dezember 2020, Jürg Messmer

Es ist klar, dass ich mich in diesen Texten immer wieder um mich selber drehe, meine Wunden lecke, und frisch und fröhlich meine Gedanken teile. Beim Schreiben ist niemand da, der einem korrigiert, ins Wort fällt, einem anlächelt oder schief anschaut. Also Schreiben ist ein "lonely business" und vielleicht ist es eine Arroganz zu meinen, dass das Andere betreffen oder interessieren könnte. Dazu passend die Frage der aufmerksamen Erstleserin meiner gestrigen Klage Salz des Lebens: “Jetzt wo du dein Leben auf einen Rucksack reduziert hast, bist du da freier, oder drehst du dich jetzt einfach nur noch um dich selbst? Nicht wie wir anderen, die wir uns um allerlei Dinge kümmern müssen?” (kein wörtliches Zitat). Wie immer war ich betroffen, hatte ein schlechtes Gewissen ob der erahnten Sünde, und liess die Frage einen Moment auf mich wirken.

Meine antwortende Frage: "Ist es denn wirklich so, dass wenn man “mehr hat”, also Möbel, Auto, Versicherungen, Verantwortung, oder gar Kinder, dass sich dann nicht mehr alles um das Eigene dreht? Ist es nicht das gleiche, nur einfach komplexer, komplizierter?" Ich sehe keinen wesentlichen Unterschied. Denn sonst könnte ich mir ja einfach auch ein SUV anschaffen, mich mit Rechnungen und Umweltfragen herumzuschlagen, oder Netflix mit eigenem Abo auf eigenem Bildschirm schauen, und gleich wäre die Welt eine bessere und weniger egozentrische als jetzt “ohne mich”! Langes Fragezeichen?

Es stellt sich ja generell die Frage, ob ich schreiben soll und meine Gedanken teile. Natürlich berichte ich auch von Reisen, davon was “ausserhalb” von mir passiert. Doch immer ist es irgendwie mit meinem “Zentrum” verbunden, dem kann ich nicht entgehen. Selbst wenn ich nicht einmal weiss, was und wo dieses Zentrum ist. Ausser vielleicht, dass da Hände, Beine und Füsse sind, die scheinbar eine Hülle bewegen, mit Eingängen und Ausgängen und einem Gehirn, dass diese Komplizierung koordiniert. So ähnlich hat das die Wssenschaft herausgefunden und bestimmt. Sonst wüsste ich das ja nicht. Wir sind uns einig. Meist. Dies so Bestimmte bin also ich, der seine Geschichte erzählt. Selbst wenn ich dich frage “Wie geht es dir?” wird deine Antwort etwas für mein Leben bedeuten, mich betreffen oder nicht, und ich werde antworten. Vielleicht mag das bei “Erleuchteten” nicht so sein, doch das kann ich logischerweise nicht beurteilen.

Seit jeher hat mich die Frage beschäftigt, ob wir Menschen uns berühren können, ob wir das Land des Anderen überhaupt betreten können, also auch Grenzen überschreiten. Die Frage bleibt bis heute unbeantwortet, weil ich nicht weiss, was Mensch überhaupt ist. In meinen schlimmsten Albträumen bin ich ganz allein. Alles ein Spiegel meiner selbst, es gibt niemanden ausser mir und meine Scheisse. Die grösstmögliche Einsamkeit. Dieses Thema entfacht immer wieder Diskussionen, oder einfach zu recht etwas Zweifel an meinem gesunden Menschenverstand. Die Frage wird nicht zu lösen sein. Denn wir haben - oder wenigstens ich - keine Möglichkeit, das eine oder andere zu beweisen. Das Werkzeug unseres Denkens, das der Wissenschaft inbegriffen, kann das nicht fassen.

Denn der Beobachter ist immer auch gleich das Beobachtete. Wir können nicht neutral schauen oder beobachten sondern nur mit den Mitteln unserer Wahl unser eigenes Denken "erweitern". Je nach Blick verändert sich das Resultat unserer Forschung. Grad Covid-19 zeigt dies deutlich. Für jeden sieht die Welt anders aus. Ob Fakten oder Verschwörung, das hängt nur vom Standpunkt ab. Reine Frage der "Mehrheit". Auch wenn man sich mit der Wissenschaft identifiziert, über standardisierte Werkzeuge und Vorgehensweisen sich einig ist, so hat das nichts mit Wahrheit oder Fakten zu tun, sondern dient der Vereinfachung, dass man überhaupt etwas gemeinsam machen kann, und man sich einig wird. Handlungsfähig. In der Gruppe ist man nicht so verloren und man fühlt sich sicherer. Genau so wie die Menschen dieser vermutlich prähistorischen Siedlung, die mit vier konzentrischen Schutzwällen sich schützte. Aussen die gewöhnlichen Leute, die Bauern, die produzierten, dann die Soldaten und die die wichtiger sind, zum Beispiel mit Gütern handeln, und in der Mitte die Privilegierten, die verantwortliche "Regierung".


Ruinen der Siedlung Ráth Gheal bei Tullow in Irland.

Heute werde ich einen PCR-Test machen. Ich muss. Ich werde mich einiger Unbill aussetzen, und dabei selbst ein Risiko eingehen. Weil ich ins Flugzeug steigen und in Guatemala den festen Boden wieder betreten möchte. Ich kann den Wunsch nach Sicherheit verstehen, doch abgesehen davon macht es für mich nicht viel Sinn. Eigentlich sollte es reichen, dass man einen Test macht, wenn man unsicher ist. Doch diese Testerei ist jetzt halt an der Tagesordnung. Sie ergibt sich auch aus der Nähe von Politik und der "angewandten" Wissenschaft, inklusive derer emsigen Lobbyisten. Die essen ja immer wieder zusammen. Sind Freunde. Situationsbedingt. Wie wir alle. Das gibt die Möglichkeit zu handeln in einer Situation der Ratlosigkeit. Das verstehe sogar ich. Also mache ich den Test, bezahle die 150 Euro, und hoffe, das Resultat ist "positiv", ich meine "negativ" natürlich. Das alles ist etwas eigenartig, denn seit Anbeginn hatte ich das Gefühl, dass das Coronavirus bereits Teil von mir, Teil meiner Möglichkeiten ist. Bin ja ein Mensch, ein Tier dieser Welt, und kein Aussenseiter.

Wenn ich am Sonntag in Guatemala landen werde, werde ich ein Land mit niedrigen Fallzahlen, konstant seit Monaten, betreten. Das Land scheint Covid-19 ziemlich im Griff zu haben, horizontale verlaufende Linien in der Statistik, ohne grosse Schwankungen. Keine zweite Welle in Sicht. Doch die Testmöglichkeiten und politischen Bedingungen sind da  andere. Die Testresultate kaum vergleichbar. Doch letztlich ist jedes Testresultat unvergleichbar, weil die Testmethoden zwar irgendwie standardisiert, also von möglichen Unschärfen bereinigt sind, doch immer noch Menschen unter örtlichen Testbedingungen den Test ausführen, ihn auswerten, und in die Datenbank eingeben, also übersetzen müssen. Und ob und wie diese Daten dann “bereinigt” ins “universelle” System einfliessen ist nochmals eine ganz andere Geschichte.

Doch ich werde “negativ” und “beruhigt” Guatemala betreten können. Hoffentlich. Doch auch da haben sich die Pläne bereits wieder geändert. Nachdem ich die ersten zwei Tage in der Hauptstadt beschäftigt sein werde, um beim Amt für Migration eine passende Aufenthaltsbewilligung oder Niederlassung zu beantragen, mich bei der Schweizer Botschaft anzumelden und allerlei Unvorhergesehenes zu bewältigen, hoffte ich, am Mittwoch nach Panajachel an den Lago Átitlan weiterreisen zu können, und mich in Los Encuentros mit meinen FreundInnen zu treffen, die mich willkommen heissen wollen. Doch nun sind Demonstrationen für Mittwoch angesagt, und die Hauptverbindung zwischen Xela und Guate wird für die Xelaner nicht passierbar sein. Wir müssen die Pläne also ändern. Wie, das weiss ich noch nicht.

Wer nun bis hierher gelesen hat, ist offensichtlich interessiert. Es bedeutet also etwas für dich? Ja, vielleicht Freude, Interesse, oder einfach nur Zeitvertreibung? Oder Grund zum Ärgern? Ja, das alles teile ich gerne mit dir. Das alles ist auch Teil meiner Geschichte. Wir berühren uns. Es sei denn, uns gibt es nicht. Oder nur dich. Oder nur mich. Kannst du das entscheiden? Gehen wir ein Stück zusammen weiter. Ich freue mich ob jedem Blick, ob jeder Bemerkung, ob jeder Berührung. Selbst das Nichtbeachten betrifft. Mich. Nicht.

Ich drehe mich um mich selbst. Du hoffentlich auch. Lass uns zusammen uns drehen und tanzen, wie die Funken im Licht des bewegten Wassers.

PS: In diesen Tagen bin ich zu Besuch bei Csilla und Peter, in Amsterdam. Peter ist 81 und hat Alzheimers in fortgeschrittenem Stadium. Es scheint, er dreht sich nur noch ganz um sich selbst. Sprache: Deutsch? Als erstes vergessen. Holländisch? Brocken, obwohl er seit jeher in Holland lebt. Englisch? Auch nur Bruchstücke, zufällig, obwohl er immer englisch gesprochen und geschrieben hat. Er war ein anerkannter Physik-Professor, weltweit in dieser Sache unterwegs. Ungarisch? Seine Muttersprache! Damit können Csilla und er sich noch immer wieder finden. Doch auch das ist schwierig. Manchmal zum Verzweifeln. Doch Nonverbale Botschaften versteht er gut, vielleicht auch Worte die durch einen klaren Ausdruck begleitet sind. Keine Abstraktion, keine Doppelbödigkeit. Er scheint meist zufrieden, ist gedultig und sogar oft verschmitzt. So zeigte ich ihm letzte Nacht, dass ich noch eine "Rauchen" und dann "Schlafen" gehen würde. Er schaute mich an, und meinte wortlos, du "spinnst"! Und sagte "Du rauchst", und das auf Deutsch und deutlich. Ich ging rauchen, dachte an drohendes Alzheimers, und legte mich schlafen. Ich hatte eine gute Nacht.

PS2: Die grossen Herausforderungen rund um die Alzheimers Erkrankung kann ich erahnen. Und ich glaube auch, die konzentrischen Kreise unseres Umgangs damit erkennen, oder eben halt auch wieder erahnen zu können. Wie werden wir in Zukunft mit solchen Phänomenen umgehen? Weiter pathologisieren, um zu begreifen, einfach weil Fortschritt nicht aufzuhalten ist? Sind Differenzierung und Professionalisierung unumgänglich? Solche Fragen treiben mich um. Sie betreffen mich selber, sie sind der Boden meiner Handlungen. Alles dreht sich um mich.

3 Kommentare

Regula Küng, 4. Dezember 2020

Lieber Jürg Gestern habe ich Deine Eintragungen vom 3. Dezember 2020 gelesen. Deine Gedankengänge brachten mich in Aufruhr und ich wollte Dir eine Antwort schreiben. Dann entschloss ich mich glücklicherweise, per FaceTime an Dich zu gelangen. Du warst in der Wohnung deiner Freunde in Amsterdam. Mit unserem Gespräch war ich - ich weiss kein besseres Wort - zufrieden, weil ich Dir das mitteilen konnte, was mich bewegt hat und dabei Dein Bild vor mir hatte. Meiner Ansicht nach hast Du auf meine „Rucksackfrage“ nicht besonders reagiert, obschon Du nun am 4. Dezember 2020 schreibst: Wie immer war ich betroffen, hatte ein schlechtes Gewissen und liess die Frage einen Moment auf mich wirken. Weil Heinz und ich so viel mehr Krimskram als den Inhalt eines Rucksacks um uns haben, hast Du spontan zur Antwort gegeben, dann ist man halt mehr ausgelagert. In Deinem Blog beleuchtest Du nun unser Gespräch. Deine Überlegungen kommen mir vor wie ein Labyrinth von Gängen. Einige laufen irgendwo wieder zusammen, andere führen in eine Sackgasse. Als Leser fühle ich mich da überfordert. Und ich denke (als das einfachere Gemüt von uns Beiden) lieber an unser - meiner Meinung nach - recht ausgeglichenes Gespräch und vor allem ans Ende unserer Unterhaltung. Da hast Du uns im Bild den Marienkäfer gezeigt, der gerade auf Deiner Hand gelandet war. Ich freute mich sehr darüber, spontan (oder abergläubisch) fand ich, er bringt Dir Glück für die Zukunft! Ich bat Dich, uns den Käfer zuzuschicken und in diesem Moment flog er auf. Nun schauen Heinz und ich, ob er bei uns landet… Wir sind auch zufrieden mit einem Wädenswiler Ersatz, Hauptsache wir können jeden Tag auf irgendetwas Hoffnung schöpfen. Ich habe übrigens im Blog den ganzen Eintrag gelesen. Dass es uns gibt, nehme ich an. (Ich hatte auch schon die Idee, es sei alles nur ein Traum…) Gehen und drehen wir uns weiter solange es geht auf dieser Erde. Wir freuen uns darauf, in Kontakt zu bleiben. Wir wünschen Dir eine gute Reise. Und wenn in Guatemala nicht alles nach Deinen Wünschen läuft, denke auch an den Glückskäfer. Mit herzlichen Grüssen Regula und Heinz

Jürg Messmer, 7. Dezember 2020

Ja, mir ist das Marienkäferli und der direkte Kontakt auch viel lieber, inkl. der Aberglauben. Da kann man immer feinjustieren, und muss nicht so alleine im "Blauen" vor sich hin rudern :-)

Helen Schärli, 7. Dezember 2020

GUTE REISE - GUTES ANKOMMEN - ALLES LIEBE HELEN

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